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← Blog · Blower Door 21. Mai 2026 · 8 Min. Lesezeit

DIN EN ISO 9972:2018-12 erklärt — die Norm hinter dem Blower-Door-Test

Was die DIN EN ISO 9972:2018-12 vorschreibt: Verfahren 1, 2 und 3, Anhang NA, Messprotokoll-Pflichten und was im Prüfbericht zwingend stehen muss — verständlich erklärt für Bauherren und Handwerker.

Die DIN EN ISO 9972:2018-12 ist die in Deutschland geltende Norm für die Messung der Luftdurchlässigkeit von Gebäuden — sie regelt jede einzelne Blower-Door-Messung, vom Mess-Setup über die Anzahl der Druckstufen bis hin zum verpflichtenden Inhalt des Prüfberichts. Wer einen Test nach GEG § 26 oder für eine KfW-Förderung machen lässt, sollte wissen, was diese Norm verlangt — denn ein Prüfbericht, der die Norm nicht erfüllt, ist gegenüber der KfW wertlos.

Wo kommt die Norm her?

Die ISO 9972 ist die internationale Norm für die Bestimmung der Luftdurchlässigkeit von Gebäuden durch Differenzdruck-Messung. In Deutschland wurde sie mit der Fassung Dezember 2018 eingeführt und löste im Februar 2019 offiziell die ältere DIN EN 13829 ab — daher der vollständige Name: DIN EN ISO 9972:2018-12. Die Endung „2018-12” steht für die deutsche Fassung vom Dezember 2018.

Die deutsche Fassung enthält den nationalen Anhang NA — er konkretisiert die internationalen Vorgaben für den deutschen Markt und ist für jede Messung in Deutschland verbindlich.

Drei Verfahren — eines ist Standard in Deutschland

Die Norm unterscheidet drei Mess-Verfahren, die sich darin unterscheiden, wie das Gebäude vor der Messung präpariert wird:

Verfahren 1 — Prüfung des Gebäudes im Nutzungszustand

Das Gebäude wird so gemessen, wie es im normalen Betrieb steht. Türen und Fenster sind geschlossen, aber Lüftungsanlagen laufen, Abluftöffnungen sind offen. Sinn: realistisches Bild der tatsächlichen Luftwechsel. Praxisrelevanz in Deutschland: gering. Bei Pflicht-Nachweisen nicht verwendet.

Verfahren 2 — Prüfung der Gebäudehülle

Das Gebäude wird teilweise präpariert: bewusst eingebaute Öffnungen (Lüftungsanlage, Abluftöffnungen) werden verschlossen, sonst nichts. Ergebnis: Maß für die handwerkliche Qualität der Gebäudehülle ohne die Lüftungs-Komponenten. Wird im internationalen Forschungs-Kontext genutzt, in Deutschland selten.

Verfahren 3 — Prüfung der Gebäudehülle, alle Öffnungen verschlossen

Das ist der Standard in Deutschland. Alle Außenöffnungen werden verschlossen (Lüftungsanlage, Kamin, Dunstabzug, Abflüsse, Briefschlitz, Hundeklappe), bevor gemessen wird. Ergebnis: Maß für die reine Dichtigkeit der Gebäudehülle als Bauwerk. Genau so verlangt es der Anhang NA für den GEG-Nachweis und für KfW-Effizienzhaus-Anträge.

Wenn Sie einen Prüfbericht in die Hand bekommen, sollte dort explizit „Verfahren 3 nach DIN EN ISO 9972:2018-12, Anhang NA” stehen. Steht das nicht drin, fragen Sie nach.

Was passiert während der Messung?

Die Norm schreibt einen klar definierten Ablauf vor:

  1. Vorbereitung: Alle Öffnungen abdichten, Innentüren öffnen, Wetterdaten (Wind, Außentemperatur, Innentemperatur) protokollieren. Die Norm verlangt, dass die Windgeschwindigkeit kleiner als 6 m/s ist und die Außentemperatur über –10 °C liegt.
  2. Nullpunkt-Messung: Mit ausgeschaltetem Gebläse wird die natürliche Druckdifferenz zwischen innen und außen gemessen. Sie muss klein sein (< 5 Pa), sonst sind die Messbedingungen nicht erfüllt.
  3. Mess-Phase Überdruck: Das Gebläse drückt Luft ins Gebäude. Pro Druckstufe (mindestens fünf Stufen zwischen 30 und 100 Pa) wird der Luftvolumenstrom protokolliert.
  4. Mess-Phase Unterdruck: Dasselbe in umgekehrter Richtung — das Gebläse saugt Luft aus dem Gebäude.
  5. Auswertung: Aus beiden Reihen wird der Mittelwert gebildet, das ist der offizielle n50-Wert.

Für eine belastbare Messung verlangt die Norm mindestens fünf Druckstufen pro Richtung, also zehn Stützstellen insgesamt. Bei kritischen Anforderungen (Passivhaus mit n50 ≤ 0,6 h⁻¹) sind acht Stützstellen pro Richtung üblich, um die statistische Unsicherheit zu reduzieren.

Was muss im Prüfbericht stehen?

Der Anhang NA der DIN EN ISO 9972 listet detailliert, was im Bericht zwingend dokumentiert werden muss. Wenn auch nur ein Pflichtpunkt fehlt, ist der Bericht formal unvollständig — und kann gegenüber der KfW zurückgewiesen werden.

Pflicht-Inhalte:

  • Auftraggeber und Messobjekt (Adressen)
  • Datum und Uhrzeit der Messung
  • Außen- und Innentemperatur sowie Windgeschwindigkeit
  • Beschreibung des Gebäudes: Geometrie, beheiztes Innenvolumen V, Hüllfläche A_E, Nettogrundfläche
  • Beschreibung der Mess-Vorbereitung (welche Öffnungen wurden verschlossen, welche nicht)
  • Verwendetes Mess-System (Hersteller, Modell, Kalibrierdatum)
  • Mess-Daten beider Druck-Richtungen (alle Stützstellen)
  • Berechnete Kenngrößen: V̇₅₀, n50, q50 (Hüllflächen-bezogen)
  • Bewertung gegen den maßgeblichen Grenzwert (GEG oder KfW)
  • Foto-Dokumentation aller lokalisierten Leckagen
  • Unterschrift des Messtechnikers

Die drei Kenngrößen, die jeder verstehen sollte:

KenngrößeEinheitBedeutung
V̇₅₀m³/hLuftvolumenstrom durch Leckagen bei 50 Pa
n50h⁻¹Luftwechsel pro Stunde (V̇₅₀ ÷ Volumen V)
q50m³/(h·m²)Hüllflächen-bezogene Leckage (V̇₅₀ ÷ Hüllfläche A_E)

Der n50 ist der populärste Wert — aber der q50 ist bei großen Volumina (MFH, Industriebau) oft die fairere Bewertung, weil er die Hüllfläche zur Bezugsgröße macht.

Was die Norm zur Kalibrierung sagt

Das Mess-Gerät muss kalibriert sein. Die Norm verlangt, dass das Kalibrierdatum nicht älter als 12 Monate ist (üblicher Industriestandard) und dass das Kalibrierprotokoll auf Anfrage vorgelegt werden kann. Beim Minneapolis BlowerDoor (Marktstandard) erfolgt die Kalibrierung beim deutschen Vertrieb in Springe — Kalibrierprotokoll, Düsenkurve, Druck-Korrektur-Tabelle alles inklusive.

Wenn Ihr Messtechniker Ihnen das Kalibrierprotokoll nicht zeigen kann, ist das ein rotes Flag. KfW-Sachverständige fragen das gelegentlich an — fehlende Kalibrierung kann den ganzen Bericht entwerten.

Mess-Unsicherheit nach Anhang NA

Die Norm definiert auch, wie groß die Mess-Unsicherheit angesetzt werden darf. Bei optimalen Bedingungen (geringer Wind, sauber abgedichtete Öffnungen, mindestens 8 Druckstufen) liegt sie typisch bei ± 5 %. Bei schwierigen Bedingungen (Wind nahe Grenzwert, große Gebäude) kann sie bis zu ± 12 % ansteigen.

Praktische Konsequenz: Wenn der gemessene n50 bei 1,52 h⁻¹ liegt und die Mess-Unsicherheit 5 % beträgt, ist der „wahre” Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 1,44 und 1,60. Bei einem 1,50-Grenzwert ist das streng formal ein verfehlter Test — was im Einzelfall mit dem KfW-Sachverständigen besprochen werden muss.

Welche Gebäude fallen unter die Norm?

Die DIN EN ISO 9972:2018-12 ist anwendbar auf alle Gebäude mit einem beheizten Volumen, also Wohngebäude, Nichtwohngebäude, Mischnutzung. Bei beheizten Volumina über 1.500 m³ sieht der nationale Anhang NA (analog GEG § 26) die Bewertung über q50 statt n50 vor, weil der reine Luftwechsel pro Stunde bei großen Räumen verzerrt wird.

Auch Sonderbauten — Sporthallen, Kirchen, Industriebauten — werden nach derselben Norm gemessen. Bei diesen Bauten kommt allerdings eine stärkere Gebläse-Ausstattung zum Einsatz (mehrere Geräte parallel im sogenannten Multi-Fan-Setup), weil ein einzelnes Standard-Gebläse den Druck nicht halten kann.

Was unterscheidet die DIN 9972 von der älteren DIN 13829?

Die EN 13829 war bis Anfang 2019 der deutsche Standard. Hauptunterschiede der neueren ISO 9972:

  • Klarere Definition der drei Verfahren (1, 2, 3) — die alte Norm hatte nur zwei Verfahren (A und B)
  • Strengere Anforderungen an die Mess-Daten-Dichte (mindestens 5 Druckstufen pro Richtung)
  • Detailliertere Vorgaben zum Prüfbericht-Inhalt
  • Einbeziehung der Mess-Unsicherheit ins Berichtsformat

In der Praxis sieht man heute noch gelegentlich Berichte, die auf die alte EN 13829 referenzieren — das sind dann veraltete Templates. Aktuell und KfW-konform ist nur die DIN EN ISO 9972:2018-12.

Häufige Fragen

Reicht ein Bericht nach „DIN EN ISO 9972” ohne Datums-Angabe?

Streng genommen nein. Der Anhang NA der Fassung 2018-12 verlangt, dass die genaue Fassung der Norm im Bericht steht. Bei knappen KfW-Prüfungen kann ein Bericht ohne Datums-Angabe Nachfragen erzeugen. Saubere Messtechniker schreiben immer „DIN EN ISO 9972:2018-12, Anhang NA, Verfahren 3” in den Methodik-Teil des Berichts.

Wer prüft, ob die Norm tatsächlich eingehalten wurde?

In erster Linie der KfW-Sachverständige (bei KfW-Anträgen) und das Bauamt (bei GEG-Nachweisen). Stichproben durch die Energie-Effizienz-Experten-Liste (Dena) sind möglich, in der Praxis aber selten. Der KfW-Sachverständige prüft den Bericht auf Vollständigkeit, bevor er ihn als Nachweis akzeptiert.

Kann ein Bauherr selbst die Norm-Konformität prüfen?

Ja, in Grenzen. Wenn der Bericht alle Pflichtinhalte enthält (siehe Tabelle oben) und das Verfahren 3 nach Anhang NA explizit nennt, ist er normkonform. Bei Zweifel können Sie den Bericht beim KfW-Sachverständigen vor-prüfen lassen, bevor Sie ihn mit dem Verwendungsnachweis einreichen.

Wie oft muss eine Messung wiederholt werden?

Es gibt keine gesetzliche Wiederholungs-Pflicht. Eine bestandene Messung bleibt als Nachweis gültig, solange die Gebäudehülle nicht wesentlich verändert wird. Bei Sanierungs-Erweiterungen oder größeren Umbauten ist eine neue Messung sinnvoll — manchmal sogar von der KfW gefordert.


Kurz zusammengefasst: Die DIN EN ISO 9972:2018-12 ist die handwerkliche Grundlage jedes Blower-Door-Tests in Deutschland. Wer den Anhang NA und das Verfahren 3 nicht im Prüfbericht stehen hat, hält kein normkonformes Dokument in der Hand. Bauherren, die das wissen, fragen aktiv nach — und unseriöse Anbieter, die nur „nach ISO 9972” messen ohne konkrete Fassung und Anhang, werden so schnell aussortiert.

Mehr Praxis-Hintergrund finden Sie im Artikel „Blower-Door-Test nicht bestanden — was nun?” und auf der Service-Seite Blower Door Test Neubau.

Foto Florian liefert nach — Beispielbild des Minneapolis-BlowerDoor-Setups mit Manometer-Display und Düsen-Wechsel.

DIN EN ISO 9972 Norm Verfahren 3 Anhang NA Messprotokoll Prüfbericht
FM
Florian Möllenkamp
Energieberater · Gebäudemesstechnik · seit 2006
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